Deutscher Beamtenbund

- Auszug mit freundlicher Genehmigung aus dem Artikel der DBB - Akademie -
Deeskalations- und Anti-Gewalt-Training für Behördenmitarbeiter


Der Blitz darf Sie nicht treffen

Beleidigt, bedrängt, bedroht, verletzt - die Beschäftigten in deutschen
Amtsstuben leben mitunter gefährlich. Die angespannte Lage mit ermüdenden
Wartezeiten auf den Gängen führt immer wieder zu tätlichen Übergriffen auf
die Mitarbeiter. Gerade in den Leistungsämtern versuchen die Klienten mit
verbaler, mit Körper- und manchmal auch mit Waffengewalt, ihrem Frust Luft
zu machen und ihre Forderungen durchzusetzen. Da sind oftmals Leib und Leben
in Gefahr, aber nicht minder auch die Psyche der Beamten und Angestellten.
Wie sie mit permanentem Druck und Konflikten umgehen können, ohne Schaden zu
nehmen, wird immer häufiger in so genannten Deeskalations- und
Anti-Gewalt-Trainings gelehrt. Herr Meyer ist gereizt. Sehr gereizt. Seit Stunden tigert der arbeitslose
Ingenieur nun schon vor dem Büro seiner Vermittlerin auf dem Gang des
Arbeitsamts auf und ab. Die Warterei macht ihn wütend und aggressiv. Er
redet sich heiß mit den "Kollegen", schimpft auf die "Beamtenärsche" hinter
den Türen, die nichts tun außer Statistiken schön schreiben und Kaffee
trinken. Endlich. Herr Meyer wird aufgerufen. Wütend knallt er die Zimmertür
und stürmt auf Patrizia V.* zu. Schleudert seine Unterlagen auf den
Schreibtisch, hinter dem sich die junge Frau am liebsten in Luft auflösen
würde. "Was soll der Schwachsinn?" brüllt Meyer und meint das Jobangebot,
das Patrizia V. für ihn aufgetan hat. Bevor die Vermittlerin zu einer
Erklärung ansetzen kann, tobt Meyer schon weiter. Dass er hier als Ingenieur
von inkompetenten Teenagern betreut wird - ein Unding. Und überhaupt: "Alles
Mist hier!" Patricia V. nimmt all ihren Mut zusammen und teilt ihrem
Klienten mit, dass sie bei diesem Ton keine Chance für ein vernünftiges
Gespräch sehe. Da wird der Schreihals auf einmal lammfromm. Kommt um den
Schreibtisch herum, reicht der Mitarbeiterin die Hand zur Entschuldigung.
Falsch gedacht. In Sekundenschnelle hat Meyer seine Arme um Patricia V.
geschlungen, begrapscht sie grinsend. "Na Kleines, wie wär's denn mit uns
beiden?" Patricia V. sitzt in der Falle.

Am oberen Ende der Eskalationskurve

Nicht wirklich. Sie befindet sich mitten im Rollenspiel mit dem Berliner
Kriminalhauptkommissar Reinhard Kautz. Zwei Tage lang schulen er und sein
Partner Stefan Boehm von "dolife", Schulungszentrum für Körperbewusstsein
und Sicherheit in Berlin-Wilmersdorf, Patricia V. und 15 weitere Kolleginnen
und Kollegen aus dem Arbeitsamt Berlin-Mitte in Sachen Anti-Gewalt-Training:
Was tun, wenn Klienten ausflippen? "Wir arbeiten hier am oberen Ende der
Eskalationskurve", sagt Kautz. Und meint jene Situationen, in denen die Luft
bereits brennt, in denen unmittelbar zur Entscheidung steht, ob die Stimmung
dramatisch zuungunsten des Opfers kippt, ob jemand verletzt wird.

Schritt für Schritt erarbeiten Kautz und Boehm mit den Seminarteilnehmern
den Zündstoff, der zum Ausbruch von Konflikten führt und vermitteln
Handlungsprinzipien für den Ernstfall. "Patentrezepte gibt es hier nicht",
macht Reinhard Kautz, als "Anti-Gewalt-Papst" über die Grenzen Berlins
hinaus bekannt, seinen Zuhörern klar. Und noch eines: Zweifelsfrei sorgten
die widrigen Rahmenbedingungen im Amt für Stress und Zoff. Streikende
Technik, Personalmangel, hohe Arbeitsbelastung, hoher Krankenstand,
schlechtes Image des öffentlichen Dienstes, insbesondere der Bundesanstalt
für Arbeit, schlechter Informationsfluss - ein idealer Mix für die
Entstehung von Konflikten. Aber, so Kautz: "Finden Sie sich damit ab, all
das können Sie nicht ändern. Das müssen andere tun, nicht Sie." Ein klare
Ansage, die so manchem der Kautz-Schüler Kopfzerbrechen bereitet, greift man
das Übel mit dieser Argumentation doch nicht bei der Wurzel, sondern nur an
der Spitze. Kautz indes geht es nur um das Eine: "Der Blitz darf Sie nicht
treffen. Nichts ist wichtiger als Ihre Unversehrtheit."

"Affengeiler Widerstand"

Vorsicht ist keine Feigheit und Leichtsinn kein Mut, lernen die
Seminarteilnehmer in den folgenden Stunden. Kautz und Boehm räumen auf mit
der Mär vom starken Helden, der den Täter in die Flucht schlägt. "Absoluter
affengeiler Widerstand" ist für KHK Kautz mit vier Jahrzehnten
Diensterfahrung: Sein "komisches Gefühl" zulassen und ernst nehmen, sich
nicht in die Opferrolle drängen lassen, akzeptieren, dass man früh handeln
muss. Agieren statt reagieren, nicht provozieren. Dem Angreifer ein klares
lautes Stopp setzen, Distanz und Öffentlichkeit suchen, sich als Objekt der
Begierde entziehen - auf gut Deutsch: Möglichst zügig das Weite suchen, wenn
nichts mehr geht. Dass es gar nicht allzu viel Kraft braucht, um sich aus
dem Schraubstockgriff selbst eines muskulösen Angreifers zu befreien,
demonstriert Stefan Boehm den BA-Mitarbeitern immer wieder in praktischen
Übungen. Die Probanden sind einigermaßen beeindruckt, obschon es eine große
Bewusstseinsleistung ist, den lauten Hilfeschrei nicht als peinliche
Hysterie, das Weglaufen nicht als feiges Kneifen zu sehen.

Die Seminare von Reinhard Kautz und Stefan Boehm sind auf lange Zeit
ausgebucht, immer mehr Auftraggeber aus dem öffentlichen Dienst verzeichnen
die beiden. Gründe für die gestiegene Nachfrage sieht Kautz zum einen in der
Zunahme tätlicher Übergriffe in öffentlichen Verwaltungen. "Darüber, was
sich dort abspielt, könnte ich drei Tage lang berichten." Zum anderen
registriert der Kriminalist jedoch auch die "zunehmende Einsicht bei den
Verantwortlichen, dass Prävention notwendig ist".

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