Mannheimer Morgen

Ein beherzter Schrei, eine rasche Flucht nehmen so manchem Angreifer die
Spitze

Der richtige Umgang mit Gewalttätern ist erlernbar, er kann helfen, eine
bedrohliche Situation zu entschärfen
von Birgit Loft Dieses flaue Gefühl in der Magengegend. Der Kerl ist nicht echt. Will er
was? Von wem will er was? Der schaut so komisch. Plötzlich macht er einen
langen Satz auf Nathalie zu. Die rennt davon und schreit so gellend, dass es
ein Wunder ist, dass der Stuck nicht von der Decke stürzt. Endlich
innehalten, Aufatmen, greifbare Erleichterung. Obwohl doch jeder weiß im
Saal, dass alles nur ein Rollenspiel und der fies grinsende Typ Frank Thiele
ist.

Will er seinen Mitbürgern den "Umgang mit Aggression und Gewalt im
öffentlichen Raum" nahe bringen, dann mimt der Berliner Polizeibeamte
nebenberuflich den Schurken. Diesmal üben drei Rentnerinnen und eine
Studentin, der Gefahr ins Auge zu sehen. Außerdem ein Ehepaar, dessen
Spielhalle kürzlich wieder überfallen wurde, und eine junge Frau, die vor
den Schlägen ihres Mannes ins Frauenhaus geflüchtet ist. Schließlich die
Journalistin. Letztens saßen auch zwei Nonnen im Anti-Gewalt-Seminar, die
sich um HIV-Positive in der Drogenszene bemühen.

Gestern, zu Beginn des Wochenendkurses, klangen die Schreie von Frank
Thieles "Opfern" kaum halb so laut. Unsicher oder erschrocken haben alle den
Täter herankommen lassen, haben auf ihn eingeredet und verzweifelt versucht,
sich seiner Übergriffe zu erwehren. Jedem wäre peinlich gewesen, bei der
ersten verdächtigen Bewegung zu flüchten und Alarm zu schlagen, so schrill
es eben geht. Bei den zaghaften Hilferufen sind Brigittas Augen noch zur
Decke gewandert, und sie hat brav gefragt: "Wer wohnt denn eigentlich hier
drüber?"

Peinlichkeit ist der Ballast, den die Kursteilnehmer ablegen sollen wie ein
Paar zu klein gewordener Schuhe. Jedenfalls wenn sie die eigene Haut retten
oder anderen beistehen wollen, ohne selbst Opfer zu werden. Weg von den
Rollenklischees, wonach Frauen nicht laut werden, weil sich das nicht
gehört, und Männer nicht flüchten, weil es feige ist. Aber gleich
davonrennen und losschreien, schon wegen eines dummen Gefühls? Warum
eigentlich nicht. Wer nichts im Schilde führt, wird dadurch kein Täter. Oft
genügt es schon, auf die andere Straßenseite zu wechseln.

An die Wand im Seminarraum hat jemand einen Spruch gepinnt: "Um die Welt zu
ändern, müssen wir unsere Sicht der Welt ändern". Die Stühle im Raum werden
U-Bahn-Sitze. Diesmal spielt Jana die Störenfriedin, steigt ein, rempelt,
pöbelt drauflos und verlangt, von Mal zu Mal frecher: "Los, aufstehen, ich
will den Platz!" Ihr "Opfer" weicht nicht vom Fleck, die Übrigen wollen sie
überreden, sich auf einen der leeren Plätze zu setzen. Nein, das bringt's
nicht, weiß Frank Thiele. Laut verlangen, dass die Belästigung aufhört, etwa
"Stopp - das will ich nicht!", sofort aufstehen und Distanz schaffen.

Sich an die Umsitzenden wenden und das Ärgernis öffentlich machen: "Hören
Sie, was die sich mitten in der U-Bahn erlaubt!" Oder: "Das kann doch nicht
wahr sein, der beleidigt hier Fahrgäste mit fremdenfeindlichen Parolen!" Ist
der Belästigte selbst nicht in der Lage zu handeln, kann ein Mitfahrer ihn
zu sich holen und sich die Übergriffe verbitten.

Täter sind nicht machtvoll, sondern "wir machen sie mächtig, wenn wir
schweigen", erklärt Thieles Trainerkollege Michael Hanke. Der
Kampfkunstlehrer zeigt, wie man sich möglichst rasch einem Angreifer
entzieht und alle Energie darauf verwendet, zu flüchten und Hilfe
herbeizurufen. Es ist nicht feige, sondern klug, den Kampf zu vermeiden oder
die von Fremden aufgezwungene Konfrontation zu beenden. Das Üben in der
Gruppe bringt die verblüffende Erfahrung: Viel Kraft braucht es nicht, dem
Würgegriff eines anderen mit gezieltem Stoß gegen dessen Schultern zu
entrinnen und dabei noch Schwung zu holen für die Flucht. Selbst wenn dieser
andere erheblich stärker ist.

Sind Täter von vornherein entschlossen, bleiben freilich wenig Chancen. Aber
95 von hundert, also die weitaus meisten, testen erst aus, mit wem sie's
machen können und mit wem nicht. Die geben im Vorfeld auf, wenn jemand auf
der Hut ist, wenn sie fürchten müssen, es wird laut und unberechenbar. Das
jedenfalls behaupten die beiden Anti-Gewalt-Trainer unisono, mit dem
aufmunterndsten Lächeln. Hört sich gut an, nur - woher wissen sie das? Eine
Quintessenz aus Hunderten von polizeilichen Vernehmungen. Packen Kriminelle
aus, dann werden Tatabläufe sichtbar - und Ängste der Täter. Einmal dabei,
erzählen sie auch, wie sie aufgeben, wo jemand frühzeitig ihre Absicht
durchschaut, und wie Hilferufe sie verunsichern. Oder Zeugen schildern, wie
sie mit ihren Schreien einen Angreifer vertrieben haben.

"Täter suchen Opfer, keine Gegner", bestätigt Reinhard Kautz. Auf der
Grundlage von psychologischen Erkenntnissen und polizeilichem
Erfahrungswissen hat der Kriminalhauptkommissar vor neun Jahren das
Anti-Gewalt-Training entwickelt und seither daran gefeilt. Auch Zivilcourage
gegenüber Extremismus, Rassismus, Diskriminierung und fremdenfeindlicher
Gewalt lässt sich so fördern. Sich selbst helfen zu können, befähigt auch
dazu, anderen in kritischen Situationen beizustehen. Ermahnungen und Appelle
zur Zivilcourage allein nutzen allerdings wenig. "Wer an
Anti-Gewalt-Demonstrationen teilnimmt, muss noch lange nicht in der Lage
sein, sich und andere aus einer demütigenden oder gewalttätigen Situation zu
befreien", sagt Kautz.

Wem es gelingt, der hat sicherlich ein gutes Gefühl. Wer hingegen untätig
bleibt oder versagt, quält sich womöglich oft mit Selbstvorwürfen. Der
Grund, nicht einzugreifen, ist "meistens nicht Gleichgültigkeit oder
Bosheit, sondern ganz einfach Lähmung und Unvermögen".
Straßenverkehrserziehung, na klar. Aber wie bringt man seinen Kindern bei,
Frieden zu stiften und für andere einzutreten? Es läuft etwas schief, meint
Kautz, "wenn Väter beispielsweise enttäuscht sind, weil der Sohn sich nicht
mit Gewalt gegen Gewalt zur Wehr setzt".

Etwa 35 000 Jugendliche und Erwachsene haben bislang an seinen kostenlosen
dreistündigen Anti-Gewalt-Kursen im Rahmen der polizeilichen
Präventionsarbeit teilgenommen. Ergänzend bietet "dolife", eine Schule für
Körperbewusstsein und Sicherheit nahe dem Kurfürstendamm, die
Wochenendseminare an. Mittellosen Bürgern - gerade auch Opfern von
Straftaten - ermöglicht eine von Kautz angeregte gemeinnützige "Initiative
Schutz vor Kriminalität", diese Seminare unentgeltlich zu besuchen.
Staatsanwälte und Richter in verschiedenen Bundesländern weisen dem Verein
Bußgelder zu. Polizeikollegen aus anderen Großstädten holen sich Rat bei
Reinhard Kautz für ähnliche Anti-Gewalt-Programme.

In einer Schublade seines Schreibtisches liegt das Bundesverdienstkreuz.
Neben der Post aus Schulen, Frauenhäusern und Altenheimen verwahrt er
Dankesbriefe aus dem Bundespräsidialamt oder dem Auswärtigen Amt, wo er
Mitarbeiter trainiert hat für den Fall der Fälle. Und doch fühlt er sich auf
verlorenem Posten. Alleine weitermachen wie bisher kann er nicht, aus
gesundheitlichen Gründen. Die erwünschte Verstärkung durch einen Kollegen
bekommt er nicht.

Ob sein Konzept funktioniert? Manchmal wird es so deutlich wie einmal im
Tiergarten, als zwei Männer ein Paar überfallen, sie auf einer Parkbank
sitzend, er im Rollstuhl daneben. Die Männer gehen vorbei, kehren zurück,
einer bedrohte die Frau mit einer Flasche. Sofort ruft sie um Hilfe. Ein
aufmerksam gewordener Handybesitzer alarmiert die Polizei, die beide Täter
festnimmt. Sie gestehen, sie hätten mit der Flasche zuschlagen, dem
Rollstuhlfahrer ein Messer an die Kehle setzen und das Paar ausrauben
wollen, wären sie nicht durch die Schreie verjagt worden. Beide waren wegen
bewaffneten Raubes vorbestraft.

Einige Wochen vor dem Überfall hatte die Frau einen Kurs bei Reinhard Kautz
besucht.



© Mannheimer Morgen   –   06.09.2001